Es hat mich immer fasziniert, wie aus einer Raupe, wurmförmig und kompakt, ein so graziles, fliegendes Wesen wie der Schmetterling werden kann. Zwei so unterschiedliche Gestalten, aber ein und das selbe Tier. Die Metamorphose ist eine beinahe komplette Verwandlung, doch die Seele bleibt die gleiche.

Auch wir Menschen machen solche Verwandlungen durch. Manchmal kommt im Leben der Moment, in dem wir uns umgestalten wollen oder müssen. Die äusseren oder inneren Umstände haben sich verändert und das alte Ich passt nicht mehr. Manchmal geschieht die Metamorphose ganz bewusst, als Folge einer Entscheidung. Oft aber geschieht die Verwandlung unbemerkt, erst danach erkennt man, welchen Prozess man durchgemacht hat. Oder man steckt gerade mittendrin und sieht plötzlich, dass etwas mit einem geschieht. Vielleicht ist man noch eine gefrässige Raupe, nimmt alles in sich auf, was einem die Kraft für den nächsten Schritt gibt. Man hat eine Ahnung, dass es nicht mehr lange so sein wird. Vielleicht hat man schon ein sicheres  Plätzchen gefunden, an dem man sich verpuppen kann, an dem man zur Ruhe kommen kann. Vielleicht ist man bereits in seinem Kokon, eingehüllt in einen schützenden Panzer, in Dunkelheit, ganz bei sich. Vielleicht ist man schon aus seinem sicheren Kokon geschlüpft, hat seine Flügel befreit. Noch kann der Schmetterling nicht fliegen, erst müssen die Flügen trocknen, aushärten. Es gilt noch einmal Geduld zu haben, nach vielen Tagen der Abgeschiedenheit wieder in der Welt anzukommen. Nun endlich ist die Metamorphose abgeschlossen, der Schmetterling breitet seine Flügel aus, er fliegt und geht seiner Bestimmung nach.

In welchem Stadium bin ich? Wenn ich darüber nachdenke, mich in meinen Gedanken strecke, spüre ich die Wände des Kokons um mich. Ich spüre meine Flügel wachsen, doch sie liegen eng an meinem Körper. Ich kann nichts tun, ich kann mich nicht bewegen, alles geschieht hier in der Enge meines Kokons. Der Fokus liegt nicht nach draussen, er ist nach innen gewandt. Meine ganze Kraft geht in die Verwandlung.

Manchmal denke ich an die Zeit als Raupe zurück, ans Fressen, ans Aufnehmen, ans unermüdliche Gehen. Schon damals war da eine Ahnung, die Ahnung vom Fliegen. Die Ahnung von der Luft, die mich tragen wird. Die Ahnung von der Weite, die ich erkunden werde. Hier in meinem Kokon träume ich davon. Von bunten Blumen und weiten Feldern. Es wird ein kurzes Leben sein, dass es auszukosten gilt. Noch ist es nicht soweit, aber bald. Ich werde fliegen. Ich werde meine Flügel ausbreiten und ein Schmetterling sein.

 

 

2 Comments

  1. Liebe Darja, ich habe diesen Text gleich zwei Mal gelesen, weil er mir so gefallen hat. Ich liebe Metaphern, sie machen gewisse Dinge verständlicher und vereinfachen komplexe Prozesse. Deine Gedanken über die Metamorphose vom Kokon zum Schmetterling finde ich sehr inspirierend und bin gespannt welche Farben und Formen deine „neuen“ Flügel haben werden. <3 Natalie

    • danke, liebe natalie, für deine worte! freut mich, hat dir der text gefallen! 😉 und ja, bin auch gespannt, wann und wie der schmetterling rauskommt! ganz liebs grüessli, darja

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