Ich nehme mir ein Jahr Zeit, um mich neu zu orientieren und um Antworten auf essentielle Fragen zu finden: Was will ich vom Leben? Wie will ich es gestalten? Was will ich in Zukunft machen?

Ich bin nicht die Einzige, die das Bedürfnis hat, mal die Pausetaste zu drücken, um sich in der entstandenen Stille über solche Fragen Gedanken zu machen. Auszeiten können aber ganz unterschiedlich aussehen. So habe ich kürzlich eine Frau getroffen, die von ihrer Leitungsfunktion zurück in eine normale Teilzeitanstellung gewechselt hat. Sie meinte, nur so könne sie offen etwas Neuem begegnen und ihren Weg auch in eine andere Richtung einschlagen. Auch mein Bruder Mirko und seine Freundin Natalie haben sich zu diesem Schritt entschieden. Für einen sehr mutigen sogar! Gerne lasse ich sie gleich selbst zu Wort kommen und euch an ihren Erfahrungen teilhaben.

Natalie und Mirko haben ihren Job gekündigt, ihre Wohnung untervermietet und reisen für ein Jahr um die Welt. Sie sind  seit Mai unterwegs und haben schon viel erlebt und gesehen. Oft sind sie tagelang auf einer Wanderung unterwegs und kommen dabei an den spektakulärsten Flecken dieser Welt vorbei. Ihre Reise haben sie im Norden von Amerika gestartet, anschliessend ging es mit einem Wohnmobil weiter nach Kanada und Alaska. Mittlerweile sind sie in Südamerika angekommen und befinden sich aktuell in Ecuador.

Sie haben sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu ihrer Auszeit und bisherigen Abenteuern zu beantworten. Viel Spass beim Lesen des Interviews!

Mirko, Natalie, bevor ich euch mit Fragen löchere, stellt euch doch kurz vor!

M: Ich bin 31 Jahre alt. Nach meinem UZH Master in Wirtschaft habe ich rund 4 Jahre als Corporate Finance Consultant in Zürich gearbeitet. Zum einen bin ich also ein Zahlenmensch, der auch gerne Fakten und Statistiken mag. Zum anderen sehe ich mich aber auch als kreativen Menschen, der gerne digital gestaltet. Sei dies durch Fotografie (www.mirkoreichlin.ch) oder in dem ich helfe, Webprojekte umzusetzen (www.darjastucki.ch, www.planetsbackyard.com, www.fxdialog.ch oder meine eigene Seite). Hier spielt sicher auch meine Freude an neuen Technologien und Tools eine wesentliche Rolle. Und wenn ich nicht gerade im digitalen Nirvana umherirre, bin ich gerne in der Natur am Wandern, Skifahren oder eben Fotografieren.

N: Ich bin 27 Jahre alt und habe Tourismus im Bachelor und Marketing und Business Administration im Master studiert. Ich arbeitete rund 4 Jahre bei einer Digital-Marketing-Agentur in Zürich und kümmerte mich um das hauseigene Marketing und die Unternehmenskommunikation. Ich bin eine passionierte Saxophonistin und spiele seit vielen Jahren in einem Orchester. Zum Ausgleich lese ich sehr gerne Bücher, besuche Theater, mache Yoga, steige mit Mirko auf hohe Berge oder rase eben diese im Winter auf Skiern herunter.

Wie entstand der Wunsch, eine so lange Auszeit zu nehmen und für ein Jahr die Welt zu sehen?

M: Reisen und die Welt sehen war mir schon immer wichtig. Ob ein paar Wochen oder ein ganzes Jahr war dabei nicht so wichtig. Beruflich wünschte ich mir einen Wechsel. Und so entstand gemeinsam mit Natalie der Wunsch, nicht direkt einen neuen Job zu beginnen, sondern stattdessen erstmal die Welt zu entdecken.

N: Den Traum, die Welt zu entdecken und neue Erfahrungen zu sammeln, habe ich schon seit vielen Jahren. Als Gründe dafür würde ich eine Kombination aus Neugier, Interesse an fremden Kulturen, Abenteuerlust und den Wunsch, aus dem “Alltagstrott” auszubrechen, nennen. Der Zeitpunkt, gemeinsam mit Mirko diesen Traum Realität werden zu lassen, hat einfach super gepasst.

Was waren die grössten Herausforderungen vor der Reise? Wie hat euer Umfeld reagiert?

M: Die häufigste Reaktion war wohl “voll cool” – gefolgt von den typischen Fragen, wie: “Was macht ihr mit der Wohnung?”, “Habt ihr den Job gekündigt?” oder “Wann kommt ihr zurück?”. Den Job zu kündigen, ohne zu wissen, wie es danach weitergeht, war nicht ganz einfach und bedarf schon etwas Überwindung. Schlussendlich war es aber viel schwieriger, Familie und Freunde ein Jahr zurückzulassen. Ansonsten waren es sehr viele kleine, organisatorische Dinge, die wir bedenken mussten (Versicherungen, Impfungen, Wohnung, Post-Umleitung etc.).

N: Den genauen Zeitpunkt zu definieren, wann wir das Land verlassen und für eine längere Zeit Abschied von der heimatlichen Komfort-Zone zu nehmen. Die vielen positiven Reaktionen seitens meiner Familie, meiner Freunden und auch Arbeitskollegen bestärkten mich jedoch in meiner Entscheidung .

Inwieweit nutzt ihr dieses Jahr für eine (berufliche) Neuorientierung?

M: Eine Weltreise ist wohl immer auch eine gute Gelegenheit, sich zu fragen, was man im Leben noch so anstellen möchte – auch beruflich.

N: Das sehe ich genauso. Ich will aber auch betonen, dass ich mir primär diese Auszeit nehme, weil ich neugierig auf die Welt bin, nicht, um mich komplett neu zu orientieren. Dass ich dabei Inspiration für mein zukünftiges Berufsleben sammeln kann, ist umso besser.

Kommt ihr beim Reisen auch wirklich dazu, über eure Zukunft nachzudenken oder seit ihr oft anderweitig beschäftigt und von all den neuen Eindrücken eher abgelenkt? Wie muss man sich das vorstellen?

M: Bis jetzt ist es fast eher ein bewusster Entscheid, nicht zu konkret über die Zukunft nachzudenken. Manchmal habe ich aber eine Idee oder lese etwas, über ein spannendes Unternehmen. Solche Dinge schreibe ich mir auf. Gegen Ende der Reise möchte ich aber eine Art “Action Plan” für meine Rückkehr erarbeiten. Völlig planbar ist die Zukunft sowieso nicht und deshalb bin ich gespannt, wohin mich mein Leben nach dieser Reise führt.

N: Bei mir ist das ähnlich. Ich möchte während der Reise bewusst mehr im Augenblick leben und diesen geniessen. Zukunftsgedanken kommen dann sowieso ganz automatisch. ich notiere mir diese, verfolge gewisse Unternehmen aus der Ferne und möchte mit konkreten Plänen wieder zurückkehren.

Was nutzt ihr um eure Gedanken während der Reise zu ordnen oder festzuhalten? Ein Tagebuch oder ähnliches?

M: Ich nutze Day One, aber mehr für die Erinnerungen an die einzelnen Tage. Ideen für meine Zukunft kommen ganz einfach in ein Text-Dokument.

N: Auf Reisen liebe ich es, Tagebuch zu führen. Die ersten drei Monate habe ich ganz klassisch meine Gedanken in ein kleines Notizbuch gekritzelt. Aktuell teste ich ebenfalls die App “Day One”, mit welcher ich meine Erinnerungen digital festhalten kann. Mal schauen, was sich besser bewährt.

Und beide: Weiters nutzen wir folgende Tools, um unserer Reise planen und digital festhalten zu können. Wir schreiben einen WordPress-Blog (www.planetsbackyard.com) und nutzen dabei Tribplan zum Aufzeichnen unserer Reiseroute. Mit Lightroom verarbeiten wir die Fotos und teilen eine Auswahl via Later.com auf Instagram. Und wir nutzen Google Drive beziehungsweise Google Docs für die Planung, die Reisebuchhaltung sowie das Ablegen von wichtigen Reisedokumenten.

Nun aber noch zu eurer Reise bisher: Was waren die drei Highlights und warum?

N: Da gibt es unzählige kleinere und grössere Highlights. Momente also, die ich mir besonders gut merken kann, da ich sie mit vielen positiven Emotionen und einem Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit verbinde. Ein grösseres Highlight war der Moment, als Mirko, unser Freund Flo und ich nach einem sechsstündigen Aufstieg auf dem Gipfel des Cotopaxi, der zweithöchste Berg Ecuadors, standen und in die Weite blickten. Immerhin hatten wir es auf knapp 6000 Meter geschafft. Zu den kleineren Highlights würde ich den Sonnenuntergang mit Sicht auf den Denali Mountain, irgendwo in der verlassenen Tundra von Alaska zählen oder der Moment, als wir in Kanada an einem See picknickten und unverhofft einen Weisskopfseeadler beim Fischen beobachten konnten.

M: Die Highlight-Frage gehört wohl zu jeder Weltreise. Aber für mich ist das schwierig. Wie soll man die Begegnung mit einem Bären in der Wildnis mit dem Wiedersehen mit einem guten Freund vergleichen? Deshalb versuche ich es mit drei Kategorien: Abenteuer, Wildlife und Freunde. Die beiden grössten und schönsten Abenteuer waren der West Coast Trail (5-Tageswanderung entlang der Westküste von Vancouver Island) sowie die Besteigung des Vulkans Cotopaxi in Ecuador (5897m). Die schönste Tierbegegnung erlebte ich auf einem Zeltplatz in Alaska, als eine Elchkuh mit Jungem nur wenige Meter von uns entfernt am fressen war. Und Freunde aus der Heimat wiederzusehen ist immer ein Highlight. Die Kategorien liessen sich wohl beliebig erweitern: Essen, Begegnungen, Übernachtungsort etc. Warum sind dies meine Highlight? Ein Moment löst eine so starke Emotion aus, dass sich dieser Moment fester ins Hirn einprägt und hoffentlich für immer bleibt.

Gab es schon mal einen Moment, in dem ihr eure Reise gerne abgebrochen hättet? Weshalb?

N: Klares Nein. Es gibt aber immer mal wieder Momente, in denen ich meine Freunde und Familie vermisse. Da hilft dann jeweils ein kurzer Anruf, eine E-Mail oder eine Sprachnachricht. Zum Glück ist es heutzutage wirklich einfach, trotz der Distanz den Kontakt mit den Liebsten aufrecht zu erhalten. Das ist mir sehr wichtig.

M: In Kolumbien hatte ich mir im Dschungel den Magen verdorben. Zehn Tage später wanderten Natalie und ich bis auf 4900 Meter über Meer. Ich fühlte mich noch immer krank und schwach und konnte diesen Tag nicht geniessen. Da kam schon Heimweh auf und ich vermisste meine Familie, aber auch meine Wohnung bzw. mein Bett zuhause. Aber die Reise effektiv abbrechen war auch in diesem Moment keine Option.

Falls jemand eine Weltreise machen will, welchen Tipp würdet ihr ihm/ ihr vorgängig geben?

N: Den Mut haben, seine Träume Wirklichkeit werden zu lassen und dafür auf gewisse Sicherheiten, wie einen fixen Job, ein Zuhause oder ein gefülltes Sparkonto für eine Zeit lang zu verzichten. Dann, während der Reise, so spontan und flexibel wie nur möglich zu sein. (Für mich immer wieder eine Challenge!)

M: Nimm dir nicht zu viel vor. Die schönsten Erlebnisse sind oft nicht planbar. Sei vorsichtig, aber nie ängstlich. Und lass dich von den unangenehmen Seiten des Reisens nie unterkriegen.

Herzlichen Dank für eure Antworten! Ich bin natürlich sehr gespannt, wie es bei euch weitergeht. Mit der Reise, aber auch nach eurer Rückkehr.

Natalie und Mirko führen einen Blog über ihre Weltreise. Es gibt atemberaubende Fotos zu sehen und eindrückliche Erlebnisberichte zu lesen auf www.planetsbackyard.com oder auf Instagram unter @mirkography

Hier ein kleiner Vorgeschmack und ein paar Bilder, der Weltenbummler!

Kommentar schreiben